Aromatherapie
Aromatherapie – eine neue, altbewährte duftende Heilkunde
Einführung
Die Aromatherapie macht immer mehr von sich reden und findet zunehmend in Kliniken Verwendung. Der Erfolg meiner "Bewährten Aromamischungen" begann 1988 und hat in den vergangenen Jahren starke Verbreitung und viele Anhängerinnen gefunden. Da es sich um duftende Mischungen handelt, die das Wohlbefinden stärken und somit den Organismus in seiner Selbstheilungskraft unterstützen, wird oftmals die arzneiliche Seite vernachlässigt. Gerade weil es sich um höchste Konzentrationen aus der Natur mit einer enormen Vielzahl an Wirkstoffen handelt, darf dessen nachweisbarer Heileffekt nicht unterschätzt werden und sollte die Anwendung dieser wohlriechenden Öle, Bäder und Salben mit Fach- und Grundlagenwissen geschehen.Gerne will ich Sie teilhaben lassen an der faszinierenden Welt der Gerüche und Ihnen die Vielfalt der Natur und die eindrucksvollen Wirkungsweisen der ätherischen Öle näher bringen. Sei es, dass Sie sich damit Ihren Alltag angenehmer gestalten oder mit einem schönen Massageöl die Liebe neu entdecken, aber auch die Geburt Ihres Kindes nicht nur als leistbar, sondern überdies unverletzt erleben. Ich möchte Ihnen meine Erkenntnisse über die Heilkraft ätherischer Öle bei allen möglichen kleinen und großen Wunden nicht vorenthalten, Ihre seelische Trauer erleichtern und Ihnen Mut machen für die Sterbebegleitung. Die Anwendung von Düften beschönigt keinen körperlichen Vorgang und betäubt keinen seelischen Schmerz, sondern hilft, diese Vorgänge mit freiem Geist zu erfahren. Ätherische Öle lenken nicht vom Geschehen ab, vielmehr helfen sie es wahrzunehmen und hüllen so manches schmerzliche oder betrübende Lebensthema in duftende Farben und Wolken.
Ursprung und Geschichte
Die Anwendung von ätherischen Ölen ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit, sondern geht bis in die Zeit um 3000 v.Chr. zurück, denn vermutlich wurden schon damals Blüten und Kräuter destilliert um Hydrolate zu gewinnen. Rund 4000 Jahre später wurde die Destillation von den Arabern neu entdeckt und im Mittelalter dann weiterentwickelt. Bekannt ist heute, dass der berühmte »Duft« am französischen Königshof nicht nur unangenehme Gerüche überdecken sollte, sondern die Parfüms haben vermutlich vor mancher Epidemie geschützt. Die persönliche Erfahrung des französischen Arztes Jean Valnet, dass Lavendelöl bei einer großflächigen Verbrennung rasche Heilung bringt, ließ die Verwendung von ätherischen Ölen nicht nur im Zweiten Weltkrieg mangels Medikamenten wieder aufleben, sondern auch im medizinischen Alltag. Seit Ende der 1980er Jahre wird die Aromatherapie – dieser Begriff wurde ebenfalls von Jean Valnet geprägt [AS1]– europaweit wiederbelebt. In den USA sowie in Japan und Australien gilt es als »neue« Methode, Krankheiten und andere Beschwerden mit ätherischen Ölen zu heilen.Was sind ätherische Öle?
Ätherische Öle, die auch als Duftstoffe der Pflanzen bezeichnet werden, sind Kohlenwasserstoffverbindungen, die die Pflanze aus Licht, Wasser, Erde und Luft, also den vier Elementen unserer Welt erzeugt. Die Pflanze benötigt ihre Duftstoffe unter anderem auch als Lockmittel, um die Insekten zur Bestäubung anzulocken oder um Tiere davon abzuhalten sie zu fressen, ehe ihre Blüten zur Fortpflanzung reif sind. Pflanzen senden nicht nur angenehme Düfte aus, sondern produzieren auch Bitterstoffe, die sie ungenießbar machen. Pflanzen können sich durch ihre Duftmoleküle aber nicht nur vor Tieren, sondern überdies vor extremer Hitze oder Kälte schützen. Eine intensive Schutzschicht von ätherischen Ölen filtert die Sonnenstrahlen und bewahrt die Blätter vor Austrocknung. In einigen Fällen produzieren die Pflanzen sogar ätherische Öle mit antibiotischer Wirkung. Ebenso kommunizieren Pflanzen über Duftstoffe miteinander. So harmonieren manche Pflanzen sehr gut, andere lassen wiederum nicht zu, dicht gedrängt neben anderen zu wachsen.Ein und dieselbe Pflanze bzw. Blüte kann zu verschiedenen Tages- oder Jahreszeiten unterschiedlichste Duftstoffe produzieren, ebenso wie die Duftmoleküle in unterschiedlicher Menge und Zusammensetzung in verschiedenen Pflanzenteilen eingelagert sind: In der Blüte, in den Blättern, in den Früchten, in den Nadeln, in der Rinde oder in der Wurzel. Bei der Ernte vieler Blüten, wie z.B. Rose und Jasmin, ist es überaus wichtig, nicht nur auf den Blütenstand, sondern auch auf die Tageszeit zu achten, damit möglichst reichlich Duftstoffe gewonnen werden, ehe sie von der Pflanze durch die aufsteigende Sonnenwärme an die Umgebung abgegeben werden. Bei den ätherischen Ölen ist nahezu das gesamte Farbspektrum vertreten – von blassgelb über grün und blau bis dunkelbraun – und die Konsistenz reicht von dünnflüssig bis harzartig. Die wohlriechenden Substanzen sind leicht flüchtig und schnell entflammbar. Die Flüchtigkeit erkennen Sie, wenn Sie einen Tropfen Öl auf ein Fließpapier geben: Es darf im Gegensatz zu den fetten Ölen kein Fettfleck sichtbar sein. Die Flüchtigkeit der ätherischen Öle nimmt bei steigender Temperatur zu, weshalb sie gut in der Duftlampe verdunsten. Die meisten Öle, insbesondere die leichtflüchtigen, entwickeln zwischen 40ºC und 50ºC einen angenehmen Duft, schwerere oder harzartige Öle entfalten sich erst bei über 60ºC. Die Öle sind zudem leicht entflammbar, was also einer gewissen Achtsamkeit bedarf beim Umgang mit offenem Feuer.
Wirkung der ätherischen Öle
Ätherische Öle können sonach mit Hilfe des oben dargestellten komplizierten Regelwerks über unser limbisches System und einen Reiz-Reaktions-Mechanismus unseren Körper beeinflussen, Wohlbefinden auslösen und damit Heilungsprozesse unterstützen. Geruch löst die Produktion neurochemischer Stoffe (Neurotransmitter oder Botenstoffe) aus, die Einfluss nehmen auf unsere Hormonproduktion, unsere Stimmung und unsere Emotionen. Die Duftmoleküle werden über den Blutweg innerhalb von Minuten ins Blut transportiert, verstoffwechselt und binnen einiger Stunden wieder ausgeschieden. Aus diesem Grund ist es ratsam, in der Aromatherapie nur mit naturreinen Substanzen zu arbeiten. Ob ätherische Öle über die Inhalation, die Haut oder gar die Einnahme in den menschlichen Körper gelangen, der Mechanismus der Identifikation erfolgt immer über den Geruchssinn. Dies sollte bei jeder Therapie bedacht werden.Das menschliche Riechsystem
Unser Riechsystem ist wohl das älteste Sinnesorgan, denn bevor die Lebewesen sehen oder hören konnten, konnten sie riechen. Seit kurzem wird er Riechsinn in der Wissenschaft und insbesondere durch den vermehrten Einsatz von Düften wieder neu diskutiert. So hat sich auch herausgestellt, dass das Riechsystem in direkter Verbindung mit unserem Immunsystem steht. Es ist bekannt, dass der Riechsinn im Mutterleib als Erstes entwickelt ist und der Embryo bereits einige Wochen nach der Zeugung im Mutterleib Geruch wahrnehmen kann. Der Riechsinn ist nach der Geburt bis etwa zur zwölften Lebenswoche sehr ausgeprägt, lässt bis zum dritten Lebensjahr nach, wird wieder stark aufgebaut, erlebt ein Hoch bis Mitte Dreißig und verringert sich dann bis an unser Lebensende um etwa 30% – was verdeutlicht, weshalb wir Kinder als naseweis bezeichnen, und erklärt, warum manche Großmutter etwas zu viel von ihrem Eau de Cologne verwendet. Wichtig ist, in diesem Zusammenhang immer daran zu denken, dass sämtlich Düfte in der Umgebung von Säuglingen zart und vorsichtig dosiert werden müssen, da diese vermutlich sogar Duftnuancen noch wahrnehmen. Unser Riechsystem ist fähig binnen hundertstel Sekunden ein Duftmolekül zu identifizieren, noch ehe wir wahrnehmen, dass uns ein Duft umgibt. Der Geruchssinn kann etwa 400000 verschiedene Gerüche in milliardenfacher Verdünnung identifizieren. Viele davon kann unser Bewusstsein registrieren, unzählige werden dagegen unbewusst wahrgenommen und weiterverarbeitet. Doch ob wir einen Geruch bewusst oder unbewusst wahrnehmen, es geschieht immer ohne unser Wollen, denn die etwa 30 Millionen Riechsinneszellen, die beidseitig in die jeweils etwa 2,5cm² große Riechschleimhaut in unserer Nase eingebettet sind, leiten die Duftinformation unmittelbar an unser limbisches System weiter, das direkt neben dem Stammhirn sitzt und nicht vom Großhirn, unserem Verstand, zensiert wird. In der Riechschleimhaut sitzen zahllose Riechsinneshaare, die so genannten Cilien. Von hier wird das Duftmolekül zur Riechsinneszelle transportiert. An den Cilien befinden sich die Riechrezeptoren, an die das passende Duftmolekül andocken kann und im Sinne des Schlüssel-Schloss-Prinzips erkannt wird.Wie wichtig für uns Menschen das Riechsystem ist, zeigt auch die Tatsache, dass die Riechsinneszellen in kurzen Abständen von ungefähr dreißig Tagen ständig erneuert werden. Beeinträchtigt wird die Funktion der Riechschleimhaut durch Krankheit und Störungen im Calciumhaushalt. Wenn die Nasenschleimhäute angeschwollen sind, lässt das Riechvermögen um ein Vielfaches nach oder verschwindet vorübergehend gänzlich – was nicht von Nachteil sein muss, denn dann werden wir uns der Krankheit besser widmen und unsere Aktivitäten auf ein Mindestmaß reduzieren. Die Wirkung der eingesetzten ätherischen Öle zur Unterstützung des Genesungsprozesses ist trotzdem nicht gestört, weil Düfte auch auf uns wirken, wenn wir sie nicht bewusst riechen können! Seien Sie also achtsam im Umgang mit kranken Personen und dosieren Sie vorsichtig.
Bei einem zu hohen Calciumanteil in der Nasenschleimhaut wird der Ionenkanal zur Riechsinneszelle blockiert und das Riechvermögen beeinflusst, wir können weniger gut riechen. Umgekehrt fließen bei niedriger Calciumkonzentration mehr Duftbotschaften durch den Ionenkanal und wir können gut riechen. Diesem Mechanismus und der Fähigkeit, dass Calcium diesen Kanal blockieren kann, ist auch das Phänomen der Adaptation zuzuschreiben. Wir nehmen einen Geruch in einem Raum, egal ob angenehm oder übel, nur für kurze Zeit, ca. sieben bis zehn Minuten, wahr und riechen ihn danach nicht mehr. Erst beim Verlassen und erneuten Eintreten erkennen wir den vorhanden Geruch im Raum wieder.
Also: Vertrauen Sie Ihrer Nase, denn sie sitzt mitten im Gesicht und ist immer eine Nasenlänge voraus, was uns NASE-WEISE sein lässt.
Herstellung
Es gibt verschiedene, teilweise aus dem Altertum überlieferte und auch neuzeitliche Verfahren, den Pflanzen das ätherische Öl zu entziehen: Die Kaltpressung, die Wasserdampfdestillation, die Extraktion, nur noch in Ausnahmefällen die Enfleurage sowie die neue und etwas teure Extraktion mit überkritischem Kohlendioxid.Herkunft, Herstellung und Qualität
Die Frage der Qualität sollte in der Aromatherapie immer vor jener der Quantität stehen, denn leider wird auf dem Weltmarkt auch schlechte oder gepanschte Ware angeboten. Die Kontrolle ist schwierig und kann von den Fachleuten nur mit großem finanziellen, personellen und apparativen Aufwand gewährleistet werden.Qualität, Reinheit der ätherischen Öle
Bei ätherischen Ölen handelt es sich um lebende Substanzen, deren Inhaltsstoffe je nach Anbaugebiet klima-, ernte- und destillationsbedingten Schwankungen ausgesetzt sind. Eine wichtige Stellung nimmt dabei auch die Pflege und Behandlung der Pflanzenfelder ein.Da ätherische Öle empfindlich sind und sie in ihrer Qualität nicht beeinträchtigt werden dürfen, also keinen Verlust an Inhaltsstoffen oder gar Veränderungen erleiden sollen, bedarf es bei der Großmengenlagerung einiger Sorgfalt und ständiger Kontrolle, damit bis zur nächsten Ernte eine möglichst gute Qualität zur Verfügung steht. Die Öle müssen kühl und dunkel in vollen Gefäßen, also möglichst ohne Sauerstoff, gelagert werden. Wir betreiben in der Bahnhof-Apotheke eigene Untersuchungen zur möglichen Veränderung von Inhaltsstoffen und prüfen die Öle erstmals bei der Auswahl der verschiedenen Testfläschchen, von denen uns meist mehrere Chargen einer einzelnen Sorte zur Verfügung stehen. Achten Sie bitte zu Hause ebenso auf die richtige Lagerung dieser wertvollen Natursubstanzen.
Arzneibuch-Qualität
Jede Apotheke kann ohne Probleme die wenigen ätherischen Öle beziehen, die im »Deutschen Arzneibuch« (DAB), sowie im »Europäischen Arzneibuch« (Ph. Eur.) aufgeführt sind. Da der Qualitätsstandard dieser Öle den gesetzlichen Bestimmungen entspricht, sind diese Öle für die Herstellung therapeutischer Mischungen zugelassen. Hier sind 15 ätherische Öle beschrieben. Hierbei wird zwar zwischen den nativen und raffinierten Ölen unterschieden, aber keine bestimmte Anbau- oder Herstellungsmethode gefordert. Es scheint, als ob in den Arzneibüchern die Welt noch in Ordnung sei und keinerlei Umweltprobleme existierten.Ich erlaube mir daher, die DAB- bzw. Ph.-Eur.-Öle als »flache« ätherische Öle zu bezeichnen – ganz zu schweigen davon, dass die geringe Anzahl von fünfzehn Ölen für eine fundierte Aromatherapie keinesfalls ausreicht und diese Öle außerdem keine ganzheitliche Behandlung zulassen. Wir sind also notwendigerweise dazu gezwungen, Öle mit höheren Ansprüchen einzukaufen und zudem bessere Qualitätsprüfungsverfahren zu verwenden.
Das beste Beispiel für den teilweise veralteten Standard der DAB-Öle ist das wertvolle Melissenöl, dessen botanischer Namen Oleum melissae officinalis lautet. Es handelt sich hierbei um eines der teuersten und therapeutisch wichtigen Öle. Echtes Melissenöl ist leider bis heute nicht monographiert, aber das DAB 6 von 1953 lässt noch immer zu, dass das günstigere, in der Wirkung einfachere und zudem von einer völlig anderen Pflanze stammende Citronellöl, lateinisch Oleum melissae indicae, als Melissenöl deklariert werden darf. Nicht nur die Bezeichnungen gleichen sich, auch der Duft der zuerst riechbaren Wirkstoffe ist ähnlich, aber die Unterschiede in der therapeutischen Wirkung und im Preis sind erheblich. Bei der Melissae indicae, die auch als Melissenöl Indicum verkauft wird, warten Sie vergeblich auf die antivirale Wirkung, da sie einfach nicht vorhanden ist.
Naturidentische ätherische Öle
Wie ihr Name schon sagt, folgen diese Öle zwar dem Bauplan der Natur, werden aber im chemischen Labor hergestellt. Auch bei aufwendig synthetisierten Ölen ist dies allemal billiger, personal- und zeitsparender als echte Öle aus Pflanzen zu gewinnen. Synthetische Düfte enthalten, auch wenn sie noch so echt riechen mögen, nur wenige der therapeutisch wichtigen Inhaltsstoffe und sind deshalb meist gar nicht oder allenfalls nur gering wirksam. Wir Aromatherapeuten bezeichnen diese Öle als tote Substanzen, da sie nicht aus Pflanzen gewonnen werden. Inwieweit naturidentische Öle auf der feinstofflichen Ebene beim Menschen mehr Schaden als Nutzen anrichten, ist noch nicht vollkommen geklärt. Neuere Forschungen belegen, dass sie unser Immunsystem eher schwächen als stärken. Insbesondere Allergien werden immer wieder mit naturidentischen und synthetischen Duftstoffen in Verbindung gebracht. Dies erklärt sich daraus, dass die Einzelbausteine der chemischen Verbindungen auf Trägerstoffe aufgebracht werden müssen, in der Regel handelt es sich dabei um chlorierte Verbindungen (CKWs). Diese Substanzen gelten als giftig und lagern sich vorwiegend im Nervengewebe und in der Leber ab. Inwieweit diese CKWs vom Menschen überhaupt wieder ausgeschieden werden können, darüber gibt es derzeit keine wissenschaftlichen Erkenntnisse.Inzwischen wird international der Einsatz von ätherischen Ölen in der Schulmedizin diskutiert, wie der Bericht der Aromatherapie-Konferenz vom November 2000 in San Francisco zeigt. Dort wurde sogar die Wirkung von ätherischen Ölen bei Tumorerkrankungen und als Antibiotikaersatz erörtert. Es wird sich also zeigen, was die Zukunft uns an wertvollen Erfahrungen bringen wird. Vermutlich wird auch diskutiert werden, inwieweit die Öle nicht doch Arzneien sind, was einerseits so sein mag, aber ein Kamillenwickel und ein Fencheltee sind es genau genommen ebenfalls und werden dennoch traditionell in allen Haushalten eigenverantwortlich verwendet.








